Wahrnehmung und Schicksal


Foto: Dibyendu Ash
Foto: Dibyendu Ash

Sollte wirklich das ganze Schicksal des Menschen davon abhängen, wie er die Welt wahrnimmt? So jedenfalls liest man die Worte Goethes, die den Ausgangspunkt zum Verständnis des menschlichen Wesens in der Theosophie darstellen.

Ein Beispiel kann verdeutlichen, was gemeint ist: Ein Mensch betritt den Urwald. Er hört es im Gehölz knacken und plötzlich duckt sich vor ihm eine Gestalt. Sie ist am ganzen Leib gelb-schwarz gemasert. Bernsteinfarbene Augen schauen den Menschen an. Dann zieht die Gestalt ihre Lefzen zurück, entblößt große, strahlend weiße Zähne und aus ihrem Innern kommt ein sonores Grummeln. Das sind die Tatsachen, die der Mensch vorfindet und durch seine Sinne wahrnimmt. Unzweifelhaft wird diese Wahrnehmung in ihm etwas auslösen. Wie diese Regung aussehen wird, hängt davon ab, wie gut er sich durch seine Sinne über seine Umwelt  aufgeklärt hat. Im schlechtesten Fall wird er denken, dass der Tiger ihn anlächelt und dass er, wie sein Stubentiger daheim, gerade schnurrt. Für das Schicksal dieses Menschen wäre es besser gewesen, er hätte seine Umwelt genauer wahrgenommen und gelernt: nicht jedes Zähnezeigen ist ein Lächeln, und nicht jedes Schnurren ist friedlich.

Der Mensch verbindet sich in dreifacher Art mit der Welt: die leiblichen Sinne liefern ihm Eindrücke aus seiner Umwelt; darauf regt sich etwas in seinem Innern: seine Seele. Diese Regung ist nur für sein eigenes Schicksal bedeutend. Durch die dritte – geistvolle – Art kann der Mensch versuchen, die Dinge über sich selbst sprechen zu lassen.
Warum der Mensch in dieser dreifachen Art mit der Welt verbunden ist, will Rudolf Steiner mit einem „Blumenwiesen-Gleichnis“ ausdrücken.

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