Sherlock Holmes war Goetheanist


Neben der Sinneswahrnehmung und der gefühlsmäßigen Wahrnehmung  schreibt Goethe noch von einer dritten Art, sich mit der Welt zu verbinden. Sie ist unnatürlich und kostet Anstrengung (ihre Darstellung ist gleichzeitig eine Zusammenfassung dessen, was man heute den Goetheanismus nennt). Sie ist deshalb so anstrengend, weil man alle persönlichen Regungen beiseite schieben muss.

Ihr zufolge könnte man Sherlock Holmes als Goetheanisten bezeichnen. Sein lebhafter Trieb nach Kenntnis führte ihn zur Meisterschaft in der Deduktion, einem System, das auf genauester Beobachtung der Data aus dem Kreis der Dinge selbst beruht. Jedes Gefühl, jede Meinung, Vorliebe und Abneigung hält er strengstens aus seinen Beobachtungen heraus, und läßt so die Dinge über sich selbst sprechen.

Nachdem eine Klientin den Raum verlassen hatte, rief der beeindruckte Watson: „Was für eine attraktive Frau!“. Darauf erwiderte Holmes ungetrübt: „Ist sie das? Da habe ich gar nicht drauf geachtet.“ Dann erklärte er, die erste und wichtigste Regel sei, die Beobachtung und Beurteilung absolut rein von persönlichen und emotionalen Qualitäten zu halten. Wie sehr erinnert das an das von Goethe beschriebene „weit schwerere Tagewerk“ der nach Erkenntnis strebenden, bei dem jedem Maßstab des Gefallens und Missfallens entsagt werden muss?

Das was Goethe als den inneren Maßstab beschreibt, nennt Holmes seinen „Dachboden“ (the minds attic). Er erklärt seinem Freund Watson, dass es wichtig sei, zu kontrollieren, was dort lagert; dass man dort ab und zu aufräumen müsse und die Dinge entsorgen, die einen auf falsche Bahnen lenken. Auf seinem Dachboden waren Data zu finden. Ergebnisse von wahrheitsgetreuen Beobachtungen und Studien, nicht Vorlieben und Abneigungen.

Man kann heute nur noch darüber spekulieren, ob es solche Überlegungen waren, die Sir Arthur Conan Doyle, den Schöpfer Sherlocks, zur Theosophischen Gesellschaft führten. Schade jedenfalls, dass er die Anthroposophie nicht kennen gelernt hat.

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