Leib, Seele und Geist verstehen

oder was die Blumenwiese uns lehrt

Um dem Menschen Leib, Seele und Geist zuzusprechen, muss man kein gläubiger Esoteriker sein, sondern ein Denker. Dass der Mensch einen Leib hat, einen physischen Körper, ist unbestreitbar. Dass er darüber hinaus noch über eine Seele verfügt, ist schon schwerer zu belegen. Ganz schwierig wird es, wenn man behauptet, es wohne ein Geist im Menschen. Sicher, in anthroposophischen Kreisen kann man das getrost behaupten ohne Gefahr zu laufen, sich erklären zu müssen; und manchmal wird man sogar ungläubig angeschaut, wenn man erwähnt, dass viele Menschen, die sich Denker nennen, das alles nicht so ohne weiteres hinnehmen wollen. Einen Geist? Da stellt man sich etwas über den Wassern waberndes vor. Und die Seele? Das ist doch das, wovon behauptet wird, es verlasse den Körper und gehe auf Wanderschaft. Kurz, mancherorts meint man den Duft von Räucherstäbchen zu vernehmen, wenn die Begriffe Seele und Geist erwähnt werden – erst recht, wenn man ausserdem behauptet, die Blumenwiese könne einen etwas darüber lehren.

Man kann es diesen „Ungläubigen“ eigentlich nicht verübeln, wenn sie da erst einmal auf Abstand gehen. Denn viel zu inflationär werden Begriffe verteilt, die von den freigiebigen Verteilern dann nicht schlüssig oder überhaupt nicht erläutert werden können. Jeder, der in seinem Alltagswortschatz die Worte Seele und Geist führt, täte gut daran, sich einmal zu fragen, ob er in der Lage wäre, einem nüchternen Denker zu erklären, was damit gemeint ist. Gar nicht so sehr, um Kritiker zu überzeugen, sondern vielmehr um den eigenen Stand im Leben zu festigen und den Wogen des Alltags auf angemessene Weise begegnen zu können, denn – wir erinnern uns: das ganze Schicksal hängt davon ab, wie der Mensch die Welt wahrnimmt (siehe „Wahrnehmung und Schicksal„). Und wer mehr weiß, nimmt auch mehr wahr. Vielleicht stellt man bei dieser Selbstprüfung fest, dass in diesem Bereich gar nicht so viel Klarheit herrscht, wie man angenommen hatte.

Das Blumenwiesen-Gleichnis

Gelegenheit sich über die Begriffe Leib, Seele und Geist Klarheit zu verschaffen, findet man auf den ersten Seiten der Theosophie. Dort gibt es im Kapitel über das Wesen des Menschen eine Passage, die als „Blumenwiesen-Gleichnis“ unter den Studenten der Anthroposophie bekannt geworden ist. In für Steiner ungewöhnlich kurzen Sätzen, die fast an ein Credo erinnern, sticht diese Passage aus dem übrigen Text heraus und veranschaulicht, wie Leib, Seele und Geist sich bemerkbar machen wenn man auf eine Blumenwiese geht.

Praktischer Nutzen der Kenntnis von Leib, Seele und Geist

Auf eine Blumenwiese geführt zu werden und dann bei der Freude zu bleiben ist schön. Es braucht ja nicht jeder ein Botaniker zu werden. Was aber, wenn wir nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen und feststellen müssen, dass die Küche wie Hulle aussieht?

Ich gehe in eine unordentliche Küche. Die Essensreste und das Spülbecken künden mir ihre Fülle durch mein Auge. Das ist die Tatsache, die ich als gegeben hinnehme. – Ich ärgere mich über die Fülle (und darüber, dass mein Ehepartner nicht aufgeräumt hat). Dadurch mache ich die Tatsache zu meiner eigenen Angelegenheit. Ich verbinde durch meine Gefühle die Essensreste und die Unordnung mit meinem eigenen Dasein. Nach einem Tag gehe ich wieder in die selbe Küche. Neue Essensreste sind da. Neuer Ärger erwächst mir aus ihnen. Mein Ärger vom Vortag wird als Erinnerung auftauchen. Er ist in mir; der Gegenstand, der sie angefacht hat, ist vergangen. Aber die Unordnung, die ich jetzt sehe, ist von der gleichen Art, wie die gestrige; sie ist nach den selben Gesetzen gewachsen wie jene. Habe ich mich über diese Art, über diese Gesetze aufgeklärt, so finde ich sie in der heutigen Unordnung so wieder, wie ich sie in der gestrigen erkannt habe. Und ich werde vielleicht also nachsinnen: die Unordnung des Vortages ist vergangen; mein Ärger über sie ist nur in meiner Erinnerung geblieben. Er ist nur mit meinem Dasein verknüpft. Das aber, was ich am vorigen Tag an der Unordnung erkannt habe und heute wieder erkenne, das wird bleiben solange solche Unordnung wächst. Das ist etwas, was sich mir geoffenbart hat, was aber von meinem Dasein nicht in gleicher Art abhängig ist wie mein Ärger. Meine Gefühle des Ärgers bleiben in mir; die Gesetze, das Wesen der Unordnung, bleibt ausserhalb meiner in der Welt.

Der Nutzen beginnt da, wo der Geist einsetzt. An der Stelle, an der man sich klar macht: Ja, ich habe einen physischen Leib, der die Nutzung einer Küche nötig macht, und ja, ich habe eine Seele, die das persönlich nimmt, aber es wohnt ein Geist in mir… Kurz, man muss einfach beginnen zu denken, wenn man genug gefühlt hat, wenn man sich nicht jeden Tag ärgern will. Man muss sich dann aufklären über die Gesetzmäßigkeiten, die zu einer solchen Unordnung führen – und dabei cool bleiben.

Natürlich muss man dann noch den Gesetzen entsprechend an einer Lösung für das Problem arbeiten.

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